Pulsuhren wozu? Freizeitsportler an der Grenze zum Profitum

Der Mensch ist ein Sportler. Zwar wusste er lange Zeit nichts davon, weil er seinen Körper vor allem für die Zwecke der Alltagsorganisation, sprich für die Fortbewegung, Verteidigung sowie Nahrungsbeschaffung nutzte; allerdings war das Potenzial für den sportlichen Wettkampf immer schon in ihm angelegt, wenn man bedenkt, dass etwa die Jäger und Sammler bereits Strecken von 40 Kilometer und mehr laufend zurücklegten oder sogenannte Botenläufer im Mittelalter und der frühen Neuzeit gar 100 und mehr Kilometer am Stück zu laufen im Stande waren.

Seit einigen Jahren ist nun eine Tendenz zur Selbstvermessung zu beobachten, die vor diesem Hintergrund zumindest erklärungsbedürftig anmutet: Wie kommt es, dass wir, die wir gleichsam »Natursportler« sind, plötzlich auf sogenannte Activity-Tracker, Pulsuhren und dergleichen setzen, die wir früher nie gebraucht haben? Diese Frage versucht der vorliegende Artikel zu beantworten.

Pulsuhren im Trend

Medisana ViFit Touch Aktivitätstracker, Fitnessarmband mit Pulsuhr und Schlafanalyse

Medisana ViFit Touch Pulsuhr

Pulsuhren liegen im Trend. Daran kann kein Zweifel bestehen. Man erkennt sie schon von Weitem an ihrem doch recht futuristischen, modern-glatten und flachen Design. Plötzlich scheint die ganze Welt sie zu tragen: Etwa joggende Väter, die bei aller Anstrengung des Laufens auch noch einen sogenannten »Babyjogger« vor sich schieben und trotz offensichtlicher Unbeholfenheit einen möglichst souveränen Eindruck zu vermitteln versuchen.

Dies geschieht, indem sie immerzu auf ihre schicke Pulsuhr schauen und allen Schwierigkeiten zum Trotz unbedingt die ihnen angezeigten Kennzahlen einzuhalten versuchen; und man begegnet natürlich Vertretern verschiedenster Berufsstände – vom Manager bis zum Postboten -, die durch das Tragen eines Activity-Trackers Sportlichkeit und Ehrgeiz suggerieren, auch wenn man ihnen dies rein äußerlich gar nicht immer so recht abnehmen mag.

Jedenfalls stellt sich – und zwar vollkommen unabhängig von jeglicher moralischer Bewertung – die Frage, warum diese kleinen Computer eine derart große Faszination auf uns Menschen ausüben. Was steckt dahinter?

„Daten sind der Rohstoff des 21. Jahrhunderts“ – diese Proklamation kennen wir mittlerweile alle. Und Activity-Tracker – denn nichts anderes sind die meisten modernen Pulsuhren – messen Daten. Neben dem Puls erfassen die meisten Geräte auch die zurückgelegte Strecke (differenziert danach, ob laufend oder gehend), den Kalorienverbrauch, die Geschwindigkeit oder gar den Schlafrhythmus.

Und wie dies bei Daten in der Regel immer so ist: Sie müssen ausgewertet werden. Die meisten Geräte kommen insofern zugleich mit einer entsprechenden App daher, die die Datenauswertung übernimmt. Sportlerinnen und Sportler können auf diese Weise besser kontrollieren, ob sie ihre Trainingsziele erreichen bzw. sich überhaupt zur Zielerreichung motivieren.

Doch nicht immer dienen diese Fitnesstracker rein sportlichen Zielen. Sie haben, so die These, auch einen symbolischen Wert, der den Träger oder die Trägerin als sportlich darstellt.

Sportlichkeit als symbolisches Kapital

Es war der berühmte französische Soziologe Pierre Bourdieu, der den marx‘schen Kapitalbegriff um etwaige Kapitalsorten erweiterte: Ein Mensch verfügt demnach beispielsweise über ökonomisches Kapital in Form von Einkommen, über soziales Kapital in Form sozialer Beziehungen, über kulturelles Kapital in Form von Bildungsabschlüssen oder eben auch über symbolisches Kapital in Form seines optimierten Körpers.

Die Art und Weise wie die Kapitalsorten jeweils individuell zusammengesetzt sind und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen, zeigt an, welche soziale Position jemand in der Gesellschaft einnimmt. Entscheidend ist, dass die Kapitalsorten ineinander überführbar sind: Jemand, der beispielsweise ein gutes Einkommen hat, kann viel davon in die Pflege seines Körpers investieren und mit diesem symbolischen Kapital wiederum das soziale Kapital steigern, indem er bestimmte Kontakte aufbauen kann, die er sonst nicht hätte aufbauen können.

Sportlichkeit ist in unserer Kultur ein symbolisches Kapital, das positiv besetzt ist, und Activity-Tracker und Pulsuhren können als deren Ausdruck verstanden werden: Jemand, der so ein Gerät bei sich trägt, es offen zur Schau stellt, kommuniziert Sportlichkeit und damit eine disziplinierte Lebensführungsfähigkeit sowie all die anderen damit verbundenen positiven Attribute.

Man zeigt damit kurzum seine Zugehörigkeit zum Selbstoptimierungs- und Sportlermilieu an.

Freilich ist dies nur eine These, und man kann das Ganze natürlich auch anders sehen. So ist es wohl nicht zu bestreiten, dass solche Selbstvermessungsinstrumente vielen Menschen in der Tat auch einfach eine nützlich Hilfe in ihrem Sportleralltag sind. Eine sehr starke Fokussierung auf die Selbstvermessung, das bleibt nicht aus, deutet zugleich jedoch auch an, dass der ehemals eher der Gesundheit und der Entspannung dienende Freizeitsport nunmehr immer stärkere Professionalisierungstendenzen entwickelt.

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